Warum gerade das Sonett?
Fragen zum Gedicht VON ROBERT GERNHARDT
Zwei Nachrichten, das Sonett betreffend, eine gute und eine bessere. Zuerst die gute: Das Sonett ist wohlauf. Sodann die bessere: Das Sonett ist nicht unumstritten - ein probater Beleg für seine Lebendigkeit. Nicht dass in diesem unserem Lande ein Sonettstreit wogte. Doch ist es sicherlich kein Zufall, dass der Lyrikwart kurz nacheinander zwei dezidierte Meinungen zum Sonett zu Gesicht bekam.
Ruth Klüger preist es. In ihrer Dankesansprache zur Verleihung des Preises der Frankfurter Anthologie sagt sie: „Wie ein Schachspiel an und für sich ein ästhetisches Vergnügen ist, weil die Regeln auf- einander abgestimmt sind und sich zu einem Ganen schließen, selbst da, wo gar nicht aufregend gespielt wird, so hat zum Beispiel das Sonett einen Reiz, der auch dem mittelmäßigsten Produkt der Gattung einen erfreulichen Anstrich gibt. Darum ist es so unverwüstlich.“ Was nun ist das Sonettschreiben? Ein „Spiel“? Eine „einfache Sache“? Auf jeden Fall ist es umstritten, mal wieder, und das ist dieser Gedichtform seit jeher gut bekommen, da die Sonettgegner ihren Sonettärger gern in Sonettform niedergelegt haben, was naturgemäß die Sonettmenge regelmäßig hat wieder anschwellen lassen. So geschehen auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Romantiker eine regelrechte „Sonettwut“ in die deutsche Literatur eingeschleppt hatten. Das beflügelte Johann Heinrich Voss, den Homer-Übersetzer und Feind allen neumodisch welschen Tands, zur konzisesten Sonettverspottung deutscher Zunge:
Mit
Prall-
Hall
Sprüht
Süd-
Tral-
Lal-
Lied.
Kling-
Klang
Singt;
Sing-
Sang
Klingt.
Der wackere Voss stritt für antike Versmaße und Strophenformen, die jungen Dichter focht das nicht an. Sie grasten mit wachsendem Eifer auf südländischen, ja orientalischen Lyrikauen, banden Stanzen, Terzinen, Ritornelle und Ghaselen zu den anmutigsten Sträußen - mittlerweile ist das alles Herbarium, und heute wäre die deutsche Lyrikwiese frei von allen tradierten und fremdländischen Gewächsen, wüchse da nicht ständig dieses staunenswert unverwüstliche Sonett nach. Nicht erst Ruth Klüger begründete dessen Zähigkeit mit seiner Regelmäßigkeit. Schon Goethe, selbst ein Opfer der „Sonettwut“ um 1800, beschloss ein Sonett mit der programmatischen Sentenz: „In der Beschränkung erst zeigt sich der Meister, / Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Rund 150 Jahre später ist Johannes R. Becher in seinen Überlegungen nicht sehr viel weitergekommen. In seinem - vom Sozialismus - Trunkenen Sonett lässt er das Sonett zunächst agitieren: „Ich möchte Stimme sein auch eurer Zeit“, dann lamentieren: „Ich fühle mich bedrängt in meinen Engen“, sodann delirieren: „Ich möchte sein ein trunkener Gesang“ - und schließlich weise resignieren: „Sagt: oder leb ich viele Leben lang / Der Kürze wegen und dank meiner Strenge?!“ Doch streng ist auch die achtzeilige Stanze, kurz auch das zweizeilige Distichon - was hat das Sonett, was sie nicht haben? Ich vermute: Dreierlei. Den ersten, wichtigsten Grund fand ich in Wolfgang Kaysers Kleiner deutscher Versschule: „Echte Gedichtformen gibt es wenige.“ Neben dem Sonett nennt er lediglich Sestine und Glosse, beides ziemlich langatmige Gedichtformen: Der klassischen Sestine verlangt es nach 39 Zeilen, die Glosse tut es nicht unter 44. Aber Stanze, Terzine, Ritornell und so weiter? Alles Strophenformen, zwar regelmäßig gebaut, doch ohne Regel für den Bau, also die Länge des Gedichts. Ein weiterer Grund für die anhaltende Beliebtheit des Sonetts könnte der sein, dass es dem Dich- ter trotz aller Regelmäßigkeit erlaubt, den Schwierigkeitsgrad - dem Heimtrainer vergleichbar - je nach Bedürfnis und Vermögen individuell einzustellen. Der Lyrikdoktor hält es für eine „einfache Sache“, vierzehn Zeilen mit dem Minimum von vier Ausgangswörtern zu bestreiten? Da kann der Lyrikwart nur zweifelnd das Haupt schütteln. Er hat‘s versucht, und siehe: es war doch eine ziemliche Arbeit. Einfacher macht es sich, wer nicht abba abba cdc cdc sondern abba cddc efg efg und was dergleichen Varianten mehr sind. Der dritte Grund dafür, dass immer noch Sonette geschrieben werden, könnte darin liegen, dass bereits so viele von so vielen berühmten Dichtern geschrieben worden sind. Petrarca, Michelangelo, Shakespeare, Goethe - sie alle haben ihre Kräfte am Sonett gemessen, mit ihnen misst sich daher auch noch der letzte Reimeschmied, der sich am Sonett versucht. Welch - in der Literatur, ja auch in allen anderen 95 Künsten - einzigartige Arena! Da treten die Künst- ler grosso modo noch immer nach den italienischen Regeln von 1350 an, während das Volk auf den Rängen das rare Vergnügen hat, Gelingen und Misslingen der Kunstwerke wie zu Zeiten der real 100 existierenden normativen Ästhetik prima vista erkennen, beklatschen oder ausbuhen zu können: Wer sein Sonett bereits mit der zwölften Zeile beschließt, wird gnadenlos disqualifiziert, mag dessen Inhalt noch so unerhört und mögen seine Metaphern noch so kühn sein. All das hätte in den Händen von Hobbysonettisten und Lyriknostalgikern enden und verenden können. Dass dem Sonett ein solches Schicksal erspart geblieben ist, belegt ein Blick in so unverfängliche wie beweiskräftige Quellen, in Lyrikanthologien jüngeren Datums. Unverfänglich, weil alle Anthologisten nachweislich keine rückwärts gewandte Lyrikblütenlese im Sinn hatten, beweiskräftig, weil keiner der Anthologisten auf das Sonett verzichten konnte. Harald Hartung hat sein „Jahrhundertgedächtnis“ der deutschen Lyrik in Zeitabschnitte gegliedert; mit Sonetten sind vertreten Im neuen Jahrhundert Rainer Maria Rilke, Rudolf Alexander Schröder und Rudolf Borchardt; Paul Zech und Georg Heym in Das expressionistische Jahrzehnt; Franz Werfel und Bert Brecht in Die zwanziger Jahre ; Erich Arendt und Reinhold Schneider in Hitlerreich und Emigration. Erst im Kapitel Nachkrieg und kalter Krieg fehlt das Sonett, taucht jedoch mit Robert Schindel und Ulla Hahn Zwischen Mauer und Mauerfall wieder auf. Und auch in Lyrikanthologien der achtziger und der neunziger Jahre wuchert es weiter. In Hans Benders Sammlung Was sind das für Zeiten finden sich Sonette von Thomas Rosenlöcher und Ludwig Harig; Das verlorene Alphabet von Thill und Braun bringt abermals Harig sowie Heiner Müller und Franz Josef Czernin - sie hätten auch eines der Sonette Peter Maiwalds aus Springinsfeld oder ei- nes der November-Sonette des Günter Grass aufnehmen können. Zu spät für derlei Anthologien, doch rechtzeitig zum Jahrhundertende ist auch Durs Grünbein mit Nachbilder, einem elfteiligen Sonettzyklus, in die Arena gestiegen, nachzulesen in seinem Gedichtband Nach den Satiren. Wenn man es denn nachlesen kann. Der Spanier - Paul Ingendaay beklagte es unlängst in der FAZ - könne es nicht, da von Durs Grünbein noch nichts ins Spanische übersetzt worden sei. Ein Befund, der den Lyrikwart zu einem - nein, nicht: Sonett, aber immerhin: Distichon angeregt hat, auf dass auch dieser altehrwürdige Schlauch mal wieder mit neuem Inhalt gefüllt werde:
Nichts, der Schreiber beklagt es, weiß der Hispanier von Grünbein.
Ihm, der Leser beseufzt's, fehlt's wohl an Wissensdurs.
Oder hätte ich besser „Schönheitsdurs“ schreiben sollen?
Quelle: http://www.zeit.de/1999/31/199931.l- lyrik5_.xml